>

Krukos drei Riesentöchter Trendela, Saba und Brama

Über den Dächern von Helmarshausen an der Diemel, welches später durch das Evangeliar Heinrich des Löwen, das um 1173 im Kloster Helmarshausen entstand, noch weltberühmt wurde, erhebt sich die Krukenburg. Hier hauste vor Zeiten der mächtige Riese Kruko über alles Land weit herum. Kruko lebte auf der Burg mit seinen drei Töchtern Trendela, Saba und Brama.

Als nun der Vater gestorben war, da wollte keine auf der Krukenburg bleiben. Saba baute die Sababurg im Reinhardswald, Brama die Bramburg im späteren Bramwald auf der anderen Weserseite und Trendela die Trendelburg über die Diemel auf.

Da sie sich nun so getrennt hatten, hielten Saba und Brama gute Nachbarschaft. Brama war blind, aber sie hatte ein kluges Reitpferd. Und wenn sie ihre Schwester besuchen wollte, so ritt sie von ihrem Wohnsitz quer durch die Weser zur Sababurg, Saba war wohl die klügste von den drei Riesentöchtern. Sie hatte von ihrem Vater ein Sprachrohr geerbt. Und wenn sie Lust zu einem Plauder-stündchen verspürte, so unterhielt sie sich damit über Berg und Strom hinweg mit ihrer Schwester Brama. Sie besaß auch ein Ruhebett von gewaltigen Ausmaßen, das ist noch Jahrhunderte lang auf der Sababurg gezeigt worden. Es hatte nicht seinesgleichen. Weil aber der Aberglaube waltete, ein Span aus dieser Bettstatt wäre gut gegen Zahnreißen, und dazumal die Kunst des dritten Gebisses noch nicht erfunden war, so schnitten sich die Besucher gern einen Splitter aus dem uralten Holze heraus, zum Andenken und für alle Fälle. Desgleichen wurde den Fremden auch die Bettstube der Saba gezeigt und ein alter Becher, an welchem sie voreinst die Lippen benetzt haben sollte...

Die böse Trendela aber auf der Trendelburg muss ein arger Querkopf gewesen sein. Sie verachtete auch das Brot und trieb mit der heiligen Gottesgabe einen lasterhaften Missbrauch. Aus Semmelringen knetete sie allerlei Spielkram und Schuhwerk für ihre Kinder.

Nichts war ihr recht, und alles sollte nach ihrer Laune gehen. Einst sah sie aus ihrem Burgfenster auf die blühende Ebene, die sich von der Diemel bis nach Deisel hinzog. Jeder andere hätte daran seine Freude gehabt. Trendela aber erboste sich an dieser gesegneten Landschaft und rief: „Das ist mir zu platt, dort sollte ein trotziger Berg stehen!“ Sie band also ihre große Schürze vor und machte sich auf die Suche nach Steinen und Blöcken. Schon war der Schurz prallvoll, und sie kehrte zurück, als ihr ein Zipfel aus der Hand glitt. Da rutschte eine Ladung auf die Erde. Davon ist der Ohmesberg aufgeschüttet. Rasch raffte sie ihr Schürztuch fester und brachte den Rest Schutt über die blühenden Gefilde. Davon ist der Deiselberg aufgetürmt worden als ein Machwerk der Riesin Trendela.

Kein Wunder, dass die Unholdin das schöne Einvernehmen ihrer Schwestern mit scheelen Blicken beobachtet hatte. So ersann sie einen teuflischen Plan. Mit süßen Worten lud sie die Blinde Brama zu einem Plauderstündchen in die Nähe von Wülmersen ein. Als die Ahnungslose dort eintraf, machte sie der Blinden heftige Vorhaltungen, nannte sie Erbschleicherin und warf ihr auch vor, ihr die Liebe der Schwester Saba gestohlen zu haben. Ein Wort gab das Widerwort, und dann schlug die ränkevolle Trendela auf ihre Schwester solange ein, bis diese entseelt zu Boden sank. Seit diesen Tagen heißt das Flurstück »Mordkammer«. Traurig zog das kluge Pferd der Brama mit leerem Sattel davon. Aber keiner wagte, den ruchlosen Schwesternmord zu rächen. So musste der Himmel dann selbst eingreifen. Nach einem heißen Sommertage zog ein Unwetter über Trendelburg zusammen. Es donnerwetterte und regenströmte Tag und Nacht, und das wütende Wetter wollte nicht weichen. Sieben volle Tage und Nächte lang ergoss sich die Regenflut, zuckten die Blitze, bis allen offenbar wurde, der Himmel wollte ein Opfer haben. Da rotteten sich die Bauern der Umgebung zusammen und beschlossen, die böse Trendela zu vertreiben, weil sie glaubten, der Himmel würde sich erst dann wieder versöhnen. Sie nahmen das Hühnenweib gefangen und führten es auf die offene Feldflur hinaus. Da stand nun die Unholdin im Wettersturm, und die Haare flatterten ihr wie Schlangen um das Haupt. Im gleichen Nu barst eine Donnerwolke herab und verschlang sie ganz und gar. Alsbald vergrollte der Donner, die Schleusen des Himmels verschlossen sich wieder, und die Sonne trat unverhüllt aus dem Abendtor hervor. Als sich das Unwetter nun verzogen, da sah man erst, was sich ereignet hatte. Denn an jener Stelle, wo Trendela zuletzt gestanden hatte, klaften Abgründe in der Erde. Und diese Erdfälle bei Trendelburg kann man heute noch sehen. Im Volksmund heißen sie die Wolkenbrüche zur Erinnerung an jenes Strafgericht Gottes.